Jetzt merke ich erst, wo ich heute Nacht geschlafen habe. Ich packe mein Zelt neben einer Schaukel auf einem Kinderspielplatz ein. Wild um mich schlagend wehre ich die vielen Mücken ab, die mich hier überfallen. Gestern Nacht hatte ich mit der Taschenlampe wieder Jagd auf die paar Mücken gemacht, die es geschafft haben in mein Zelt zu gelangen.
Mit einem japanischen Pilger steige ich die unendlich vielen Treppen zum Tempel 71 hoch. Die längste Treppe hat 108 Stufen, was im Buddhismus eine heilige Zahl sein soll, erklärt mir mein Freund. Auf dem Weg hinunter zähle ich dann doch alle Treppenstufen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind es ungefähr 450.
Auch heute ist es verdammt heiß. Bis zum Ende des Tages laufe ich nahezu ausschließlich auf Hauptstrassen und asphaltierten Wegen. Die Fußsohlen brennen. Am Tempel Nummer 70 unterhalte ich mich kurz mit einer Frau und Berichte ihr dass ich vor fünf Jahren die schöne Pagode nur im Baugerüst sehen konnte. Das Gerüst ist jetzt weg und ich sehe sie in voller Pracht. Wunderschön!
Den Tempel Nummer 68 hat wahrscheinlich ein ehrgeiziger junger japanischer Architekt vollständig in einem Betonklotz verwandelt. Wie kann man so etwas machen? Ich bin entsetzt.
Gegen Nachmittag merke ich, dass ich doch fünf Jahre älter geworden bin. Hatte gehofft, daß die fünf Kilogramm Gewicht, die ich in diesem Jahr mehr herumschleppe das irgendwie ausgleichen. Ist nicht so!
Bis zum Nachmittag stolpere ich vor mich hin. Mir gehen so einige Sachen durch den Kopf:
1. Warum sind eigentlich alle Frauen die ich an den Tempeln treffe und die mein Buch unterschreiben viel freundlicher und höflicher als ihre Kollegen? Man kann sich mit ihnen gut unterhalten, während die Männer - egal ob jung oder alt - mißmutig, stumm und anteilslose hinter ihrer Maske vor sich hin sitzen und mein Pilgerbuch unterschreiben.
2. Warum rennen in jedem zweiten Haus bissige Hunde laut bellend an einer langen Leine oder Kette hin und her wenn sie mich sehen? Gibt es hier so viele Diebe, oder Misstrauen sie einfach einem ausländischen Pilger?
3. Füttert meine Frau auch richtig meine Fische zu Hause? Hat sie schon wieder einen Kratzer in das Auto gemacht? Funktioniert mein Computer noch, oder hat sie ihn kaputt gemacht? Spielen meine Tischtennisfreunde heute zum ersten Mal wieder nach langer Pause?
4. Komme ich morgen heil über den höchsten Punkt meiner ganzen Reise, den Unpenji, mit 912 m der höchste Punkt meiner Reise?
Only now do I realize where I slept tonight, Onsen, what was I thinking? I pack up my tent next to a swing on a children's playground. I again beat off the many mosquitoes that attack me here. Last night I had used my torchlight to hunt down the few mosquitoes that had managed to get into my tent.
With a Japanese pilgrim, I climb the endless stairs to Temple 71. The longest staircase has 108 steps, which is supposed to be a sacred number in Buddhism, my friend explains to me. On the way down, I count all the steps. If I haven't miscounted, it's about 450 of them.
It's damn hot today too. Until the end of the day I walk almost exclusively on main roads and asphalt paths. The soles of my feet are burning. At temple number 70 I have a short chat with a woman and tell her that five years ago I could only see the beautiful pagoda in the scaffolding. Now the scaffolding is gone and I can see it in all its glory. Beautiful!
Temple number 68 has probably been completely transformed into a concrete block by an ambitious young Japanese architect. I am horrified… how can anyone do such a thing?
Towards afternoon I realise that I have become five years older after all. Had hoped that the five kilograms of extra weight I'm carrying around this year would somehow make up for it. It doesn't!
I stumble along until the afternoon. I have a few things running through my head:
1. why are all the women I meet at the temples and who sign my book much friendlier and more polite than their male counterparts? You can have a good chat with them, while the men - whether young or old - sit, sullenly, mutely and disinterestedly, behind their masks and sign my pilgrimage book.
2. why do barking dogs run back and forth on a long leash or chain in every other house when they see me? Are there so many thieves here, or do they simply distrust a foreign pilgrim?
3. does my wife properly feed my fish at home? Has she scratched the car again? Does my computer still work, or did she break it? Are my table tennis friends playing today for the first time after a long break?
Will I get over the highest point of my whole trip tomorrow, the Unpenji, Temple 66, at 912 meters the highest point of my trip?
2 comments:
Hallo Walter, vielen Dank für die Reiseberichte und die schönen Bilder. Du legst ja ein enormes Tempo vor. Was hast Du für eine Ausrüstung? Wie schwer ist das alles? Viele Grüße und frohes Gelingen von Jens-Uwe
Kann nicht langsamer laufen.
Rucksack hat ohne Wasser und Verpflegung ca. 12 kg.
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